Da Kinder mit Asperger-Syndrom in diversen Bereichen Probleme haben, jedes Kind
in der symptomatischen Ausprägung völlig individuell ist, unterscheidet sich
auch die jeweilige Förderung. Viele Kinder brauchen logopädische Förderung - obwohl
ihr Sprachvermögen gut entwickelt ist, zeigen sich meist jedoch Einschränkungen
in der Qualität der Kommunikation, Auffälligkeiten in der Betonung, Sprachfluß- und geschwindigkeit
bzw. Undeutlichkeit der Sprache.
Durch motorische Ungeschicklichkeit, evtl. zu schlaffem Muskeltonus,
empfiehlt sich bei vielen Kindern eine krankengymnastike/psychomotorische
Behandlung.
Sehr häufig wird auch Ergotherapie verordnet um die Wahrnehmungsfähigkeiten zu
fördern.
Viele Eltern haben gute Erfahrungen mit tiergestützter Therapie oder
therapeutischem Reiten gemacht.
Viele Kinder benötigen auch medikamentöse Unterstützung, besonders wenn das
Asperger-Syndrom mit anderen Erkrankungen wie AD(H)S, Depressionen, u.U. auch Tourette-Syndrom oder
Epilepsie einhergeht, bzw. sich ein aggressives/autoaggressives Verhalten
zeigt.
Bei einer Vielfalt therapeutischer Ansätze/Fördermöglichkeiten in der
Autismus-Therapie gibt es jedoch einige "Grundbausteine", die das
Alltagsleben deutlich erleichtern, das Einüben von Handlungen und erwünschter
Verhaltensweisen unterstützen und dem Kind Halt bieten bzw. mehr Flexibilität
erreichen.
Autistische Kinder wirken oft unhöflich oder nahezu arrogant, häufig verweigern
sie gewünschte Tätigkeiten oder Verhaltensweisen, reagieren auch mit Zorn,
Angst oder Rückzug. Keine ihrer Reaktionen sind jedoch als manipulativ
oder "bösartig" zu verstehen. Durch eine permanente Überflutung mit
Eindrücken, der Unfähigkeit Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, bleiben ihnen
oft wenig Möglichkeiten sich angepaßt in einer
Situation zu verhalten, bzw. Situationen schnell allumfassend einzuordnen.
Schnell kommt es zu überschießenden oder auch unverständlichen Reaktionen.
Durch individuell verhaltenstherapeutische Begleitung, auch im Alltag, sind sie
jedoch nach und nach in der Lage ein situativ
angemessenes Verhalten zu erlernen.
Für uns Eltern bedeutet das, sich immer wieder neue Ziele zu setzen, sich in
das Kind hineinzuversetzen, herauszufinden, welche Situationen/Reaktionen
schwierig sind, warum das Kind dementsprechend reagiert, wie man frühzeitig
Eskalationen vermeiden kann, welche alternativen Reaktionen trainiert werden
können - vor allem aber Geduld und Konsequenz. Das Erlernen erwünschter
Handlungen/Verhaltensänderungen kann sehr langwierig
sein. Oft geschieht es auch, dass ganz plötzlich eintrainierte Verhaltensweisen
wieder verschwunden zu sein scheinen, man das Gefühl hat wieder von vorne zu
beginnen. Es scheint jedoch eher so, als wenn das Kind so einfach noch einmal
ausprobiert, ob seine sicheren, vertrauten Strukturen noch vorhanden sind, die
Reaktionen der Eltern noch gleich sind, die Verläßlichkeit
weiter besteht.
Wichtig im Alltag ist eine individuell erarbeitete Struktur. Ein Tag als Ganzes
ist häufig viel zu unübersichtlich. Wenig Veränderungen, ein gleichförmiger
Tagesablauf, eine Vorausplanung von Aktivitäten, eine verständliche
Aufgaben-Erstellung sind hier sehr hilfreich. Je nach Betroffenheit des Kindes
kann diese Alltagsstruktur eher oberflächlich sein, sich an den Mahlzeiten und
wiederkehrenden Tätigkeiten orientieren oder aber auch mit Listen und Plänen
zur Auflistung diverser Tagesaktivitäten in zeitlicher Abfolge erfolgen, bishin zu genauer Aufschlüsselung von Einzeltätigkeiten.
Da viele Kinder oft nicht ausreichend auf Ansprache reagieren sollte man darauf
achten, dass sich ihre Aufmerksamkeit fokussiert. Häufig genügt es, das Kind um
Aufmerksamkeit und Blickkontakt zu bitten, es dabei kurz zu berühren, evtl.
auch darum bitten, dass es wiederholt, was man gerade besprochen hat.
Verallgemeinerungen (z.B. "Das Zimmer müßte mal
wieder aufgeräumt werden.") werden vom Kind häufig nicht verstanden,
klare, kurze Sätze mit deutlicher Ansprache (z.B. "Ich möchte, daß Du jetzt Dein Zimmer aufräumst") haben deutlich
mehr Erfolg. Lange Erklärungen sind oft zu umfangreich für das Kind, so dass es
die Kernaussage häufig nicht mehr versteht. Durch die eingeschränkte Fähigkeit
aus Gesichtern "zu lesen" und Aussagen (vor allem Ironie) falsch zu
verstehen, bzw. Aussagen wörtlich zu nehmen, kann es immer wieder zu
Situationen kommen, in denen angenommen wird "er/sie will einfach
nicht", obwohl der eigentliche Grund ist, dass fehlinterpretiert
wurde oder das Kind sich nicht angesprochen fühlte. Eine gute Hilfe sind oft
auch Visualisierungen, wie z.B. eine "Stopp"-Karte
oder andere vereinbarte Zeichen, wenn das Kind auf verbale Einschränkungen
nicht (mehr) reagiert.
Häufig verweigern sie jegliche Veränderung, haben Probleme sich von einer
Situation auf die nächste einzustellen. Da ihnen bekannte Situationen,
Reaktionen und Handlungen Sicherheit bieten, ist es oft nicht einfach, diese
Verhaltensmuster zu durchbrechen, es fällt ihnen schwer zielgerecht zu handeln,
bzw. den Sinn einer Tätigkeit zu sehen. So dürfen nicht zu viele Lernziele auf
einmal gesetzt werden, bzw. muß langsam erarbeitet
werden, was erreicht werden soll.
Sehr hilfreich sind Verstärkerpläne nach dem Belohnungsprinzip, die inviduell erstellt werden. Das erwünschte Verhalten kann so
mit dem Kind besprochen werden und in - mit dem Kind erarbeiteten - Plänen und
Zielen dokumentiert werden. So lernt es, dass sein Verhalten sich positiv
auswirkt. Möglich ist auch in diesem Bereich alles von kleinschrittigen,
schnell zu erreichenden Zielen, bishin zu Zielen, die
schwerer zu erreichen sind. Manche Kinder erarbeiten sich so z.B. Zeiträume,
die sie für ihre Lieblingstätigkeiten nutzen können, manche Kinder erarbeiten
sich Vergünstigungen im Alltag (z.B. "einmal Spülmaschine ausräumen
entfällt"), manche erarbeiten sich kleine, materielle Belohnungen, bei
manchen sind Verhaltensweisen so belastend und massiv, dass u.U.
auch einmal ein etwas größerer Wunsch erfüllt wird. Wichtig ist, dass die
Zielsetzung realistisch ist und das Kind auch einen Sinn darin sieht, auf das
Ziel hinzuarbeiten.
Ein weiterer wichtiger Punkt im Alltag ist eine gewisse Vorausplanung. Auch
hier wieder eine große individuelle Bandbreite, manchen Kindern genügt es zu
wissen "morgen gehen wir einkaufen", andere Kinder wiederum brauchen
diese Ankündigung mehrmals Tage zuvor und am selbigen Tage dann mit z.B.
"Wir frühstücken, danach kannst Du noch Dein Bild fertig malen, danach
fahren wir."
Tätigkeiten/Handlungen können durch verhaltenstherapeutische Ansätze und auch
dem Einsatz von z.B. TEACCH, mit und mit gut eingeübt werden. Da Autisten
jedoch Probleme haben, eine Situation auf die nächste zu übertragen, bzw.
sinnvoll zu planen/vorausschauend zu handeln, sollte man immer bedenken, welche
Schwierigkeiten sich auch in eintrainierten Handlungen spontan ergeben können.
Es kann z.B. sein, dass das Kind erlernt hat, Besuch bei der Begrüßung die Hand
zu geben, ihn anzuschauen, z.B. auch zu fragen "Wie geht es Dir?".
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass das Kind auch außerhalb des
häuslichen Bereiches so reagieren wird. Es verbindet dann "zuhause-Begrüßungs-Schema", sieht aber nicht ein,
warum es Bekannte in anderer Umgebung ebenfalls begrüßen soll. Ebenso kann es
sein, dass die erlernte "Wie geht es Dir"-Frage
grundsätzlich anwendet, egal mit wem es redet. Auch die Aufforderung "Wenn
Du den Bus verpaßt, ruf mich bitte an, damit ich Dich
abholen kann." wird das Kind wie erlernt durchführen, man sollte hier aber
z.B. mit beachten, dem Kind beizubringen, dass es das Handy eingeschaltet
lassen muß, damit man es auch erreichen kann. Es ist
sonst durchaus möglich, dass es anruft und sagt "Ich habe den Bus verpaßt" und das Gespräch beendet, das Handy
ausschaltet, denn es hat seine Aufgabe "Anrufen wenn der Bus weg ist"
ja erfüllt...
Das TEACCH-Programm
(Treatment and Education of Autistic
and related Communication handicapped Children)
ist - auch in Ansätzen - sehr gut geeignet um den Alltag zu strukturieren bzw.
Tätigkeiten zu trainieren. Auch hier ist die Bandbreite wieder sehr groß.
Verallgemeinert gesagt wird eine Tätigkeit in kleinere Einzelhandlungen
aufgeschlüsselt, mit Visualisierung unterstützt. Es können Bild-Kärtchen für
kleine Kinder angefertigt werden, aber auch schriftliche Listen und Pläne für
größere Kinder. Ein Beispiel wäre z.B. die Aufgabe "Tisch decken".
Normalerweise eine sehr selbstverständliche Tätigkeit, die für autistische
Kinder jedoch evtl. zu umfangreich ist, da sie sich aus vielen
Einzeltätigkeiten zusammensetzt. So müssen verschiedene Schränke und Schubladen
geöffnet werden, es muß überlegt werden, ob Löffel
oder Gabel gebraucht werden, wo Geschirr und Besteck platziert werden. Ein kleinschrittiger Beginn im TEACCH-Programm
würde so z.B. beginnen, dass der Reihenfolge nach (Bilder oder in Worten)
aufgeschrieben wird, was an Geschirr und Besteck benötigt wird bzw. der Reihe
nach die Tätigkeiten aufgelistet werden (z.B. Platz-Unterlage auf den Tisch,
Teller aus Schrank 1 auf den Tisch, Glas aus Schrank 2 auf den Tisch, Messer
und Gabel aus Schublade 1 neben den Teller), bei schwer betroffen autistischen
Kindern können so auch Schränke beschriftet werden, auf der Platzunterlage
gekennzeichnet werden, was wo hingestellt wird usw. Anderen Kindern genügt z.B.
nur eine kurze Auflistung "Tisch decken mit Geschirr und Besteck".
Auch bei sehr differenziertem Beginn kann so mit und mit die sehr detailierte Handlungsanweisung immer allgemeiner abgefasst
werden, bis - bezogen auf das Beispiel Tisch-decken -
nur noch die Anweisung "Tisch decken" notwendig ist oder ohne
Ankündigung mit in den Tagesablauf übernommen wurde.
So ist TEACCH sehr vielfältig im Alltag verwendbar, nicht nur im Bereich der
Körperpflege oder Tagesstrukturierung und dem Erlernen von Tätigkeiten, es kann
auch "abgewandelt" werden und helfen Situationen, die dem Kind ungangenehm sind, wo es auffällige Verhaltensweisen oder
Ängste zeigt, zu entzerren. Kleine Kärtchen mit möglichen Lösungen für
bestimmte Situationen (z.B. "Wenn ich wütend bin, gehe ich in mein
Zimmer") bieten oft große Hilfen und lassen sich immer wieder neu
anpassen, Voraussetzung ist natürlich auch hier eine enge Begleitung durch die
Eltern, indem sie genau beobachten, ob das Kind unruhig, ängstlich oder gereizt
wirkt, frühzeitig auf die Lösungsmöglichkeit/Kärtchen hinweisen, bis auch hier
ein Umlernen erfolgt ist.
Auch wenn Vieles sicher sehr starr und streng wirkt, so profitieren autistische
Kinder sehr von klaren Regeln, vereinbarten, sinnvollen Konsequenzen und einer
gewissen Gleichförmigkeit. Gerade die täglichen Strukturen, bekannten Regeln,
bekannten Reaktionen, die auf den ersten Blick von Außen vielleicht einengend
wirken, bieten den notwendigen Halt und das Vertrauen, sich auch auf Neues
einzulassen und fördern die Flexibilität dadurch, dass ein gewisser
berechenbarer Rückhalt immer gegeben ist.